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Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung der Fernsehübertragungswege / Position des Fachbereichsvorstandes Fernsehen und Multimedia im VPRT

29.08.2007

Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung der Fernsehübertragungswege
Position des Fachbereichsvorstandes Fernsehen und Multimedia im VPRT
(Juni / August 2007)


I.  Hintergrund/ Sachstand der Digitalisierung der Fernsehübertragungswege

Die Digitalisierung der Übertragungswege für Fernsehen und Telemedien leitet den stärksten Umbruch im deutschen Fernseh- und Medienmarkt seit der Einführung des Privaten Rundfunks ein. Die damit einhergehenden Chancen für Wachstum und Beschäftigung, die Chancen für eine größere Angebotsvielfalt wie auch eine aktivere und selbstbestimmte Nutzung durch die Verbraucher sind jedoch nur umzusetzen, wenn im Markt wie auch in der begleitenden Regulierung die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Alle technischen Voraussetzungen für eine zügige Digitalisierung und Umsetzung aller damit verbundenen Vorteile für Wirtschaft und Verbraucher sind grundsätzlich vorhanden. Dennoch steht die Digitalisierung der Fernsehübertragungswege und vor allem der Fernsehhaushalte in Deutschland noch am Anfang der Entwicklung und kommt – obwohl vor Jahren begonnen – nur schleppend voran.


Weder die Marktentwicklungen noch die gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllen die Anforderungen an eine nachhaltige und wirtschaftlich sinnvolle Digitalisierung. Die politische Vorgabe nach einer vollständigen Digitalisierung der Fernsehübertragungswege bis spätestens im Jahr 2010 wird zunehmend unrealistisch. Der Fachbereichsvorstand Fernsehen und Multimedia im VPRT hat vor diesem Hintergrund Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung der Fernsehübertragungswege formuliert. Er verbindet damit die Forderung nach einer maßgeblichen Beschleunigung der Digitalisierung sowie nach einem konkret definierten Gesamtkonzept für den Analog-Digital-Umstieg, das alle Übertragungswege berücksichtigt.


Es muss Zielstellung der Marktpartner und der Politik sein, auf dieser Basis ein verbindliches Umstiegsdatum in Verbindung mit einer realistisch erzielbaren kritischen Masse an bis dahin zu erreichenden digitalen Haushalten festzulegen, das von allen Marktpartnern, den Regulierern und Verbrauchern gefördert und akzeptiert wird und für entsprechende Transparenz sorgt.

Der Fachbereichsvorstand Fernsehen und Multimedia stellt fest, dass – sollten die nachfolgend genannten Grundvoraussetzungen nicht umgesetzt werden – die Wertschöpfungspotentiale der Digitalisierung nicht ausgeschöpft werden können und damit letztlich ein Analog-Digital-Umstieg insgesamt in Frage gestellt ist.


II.  Grundvoraussetzungen für eine nachhaltige und wirtschaftlich tragfähige Digitalisierung der Fernsehübertragungswege

Die markt- und medienpolitischen Rahmenbedingungen sind entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierung der Fernsehübertragungswege in Deutschland. Dabei müssen aus Sicht der Anbieter von Rundfunk und Telemedien alle relevanten Übertragungswege gleichermaßen berücksichtigt werden – auch und insbesondere vor dem Hintergrund der gebotenen Technologieneutralität der rechtlichen Vorgaben sowie der komplementären Funktion der Wege mit Blick auf den Zugang der Inhalte zum Verbraucher. Für die Digitalisierung heißt das: Breitbandkabel, Satellit, Terrestrik und DSL müssen – unter Berücksichtung der Besonderheiten der einzelnen Wege – den Grundanforderungen an eine wirtschaftlich tragfähige Digitalisierung gleichermaßen entsprechen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass neben dem Breitbandkabel derzeit vor allem der Satellitenempfang eine wichtige und für die digitale Verbreitung sogar marktführende Rolle einnimmt (s. auch Abb. 1).


 

1. Zugang der Inhalte zum Verbraucher über alle Netze und Endgeräte

Die Digitalisierung der Fernsehübertragungswege ist für die Medienunternehmen kein Selbstzweck. Interessant wird die Digitalisierung für die Medienanbieter durch die Schaffung einer Infrastruktur, die es ihnen erlaubt, den Verbrauchern einen Mehrwert (neue Inhalte/neue Angebotsformen) anzubieten und daraus zusätzliche Wertschöpfung zu generieren. Die Schaffung und Refinanzierung neuer digitaler Angebote hängt jedoch unmittelbar von deren technischer Empfangbarkeit in möglichst vielen Haushalten ab.

Der Zugang der Inhalteanbieter zum Verbraucher über möglichst alle Netze sowie die Einführung netzübergreifender Standards und Schnittstellen, die eine technische Empfangbarkeit der neuen digitalen Angebote in allen Haushalten unabhängig vom Netz gewährleisten, ist eine wesentliche Voraussetzung für wirtschaftlich tragfähige digitale Angebote.

Eine weitere zentrale Grundvoraussetzung für die wirtschaftlich tragfähige Digitalisierung sind Endgeräte beim Verbraucher, die in der Lage sind, alle Angebotsformen zu empfangen/zu verarbeiten (u. a. Free/Pay/VOD/Interaktiv). Der VPRT fordert deshalb – auch im Sinne des Verbrauchers – klare Vorgaben an die Endgeräteindustrie, nur noch zukunftsfähige Empfangsgeräte in den Markt zu bringen. Die weitere Verbreitung der sog. ‚Zapping-Boxen’ steht einer erfolgreichen Digitalisierung entgegen. Der Anteil dieser Boxen lag nach Schätzungen von Goldmedia auf Basis der AGF/GfU-Zahlen 2006 bei rd. 70% - d.h. rd. 6,5 bis 7 Mio. Boxen von damals  rd. 10.8 Mio. konnten kein Pay-TV empfangen. Der Anteil der intelligenten Box, die ohne Medienbruch interaktive Angebote verarbeiten können, ist verschwindend gering.


2. Adressierbarkeit über alle Netze und Endgeräte

Neue digitale Inhalte und Angebotsformen sind auf intelligente Netzstrukturen (vom Sender bis zum Empfänger) und die Diversifizierung der Refinanzierung angewiesen. Mit der Digitalisierung gehen zudem neue Anforderungen von Rechteinhabern nach territorialer Begrenzung der Signalverbreitung sowie mit Blick auf den Schutz vor Piraterie neue Anforderungen an den Signalschutz einher.

Die Adressierbarkeit der Endgeräte ist aus Sicht des VPRT unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige und wirtschaftlich tragfähige Digitalisierung. Sie ermöglicht den umfassenden Rechte- und Signalschutz ebenso wie personalisierte und interaktive Angebote und eröffnet dem Verbraucher den Zugang zu einer Vielzahl neuer Zielgruppen- und Spartenangebote.

Neue Verbreitungswege für Rundfunk- und Telemedien wie DSL oder Web-IPTV bringen diese Voraussetzungen von Anfang an mit. Die klassischen Übertragungswege Satellit, Kabel und Terrestrik haben hier einen hohen Nachholbedarf, der sich schon sehr bald als entscheidender Wettbewerbsnachteil dieser Übertragungswege gegenüber den alternativen Infrastrukturen erweisen könnte. Für die Inhalteanbieter wiederum bedeutet dieser Nachholbedarf, dass sich die Reichweite adressierbarer Haushalte über die klassischen Verbreitungswege zu langsam entwickelt, um mögliche neue Angebote zu refinanzieren. Nur bei einer insoweit einheitlichen Behandlung der Übertragungswege kann die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle diskriminierungsfrei und unabhängig vom Vertriebsweg erfolgen und eine strukturelle Benachteiligung derjenigen vermieden werden, die frühzeitig eine Migration zu adressierbaren Infrastrukturen einleiten.

Die Möglichkeit der Grundverschlüsselung und Adressierbarkeit der Inhalte über alle Netze ist demnach aus Sicht der Inhalteanbieter eine weitere zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Digitalisierung der Übertragungswege.


3. Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Medienunternehmen absichern

Die erfolgreiche Digitalisierung hängt maßgeblich von kreativen und innovativen Inhalten und Angebotsformen ab, die vom Verbraucher akzeptiert werden. Hier spielen die Rundfunkanbieter eine maßgebliche Rolle – auch, um die gesellschaftlich und politisch gewollte inhaltliche Vielfalt sicherzustellen. Aus diesem Grund ist der Rundfunk verfassungsrechtlich geschützt und hat bislang besondere Rechte, u.a. beim Zugang zu Netzen.  Die Rundfunkanbieter akzeptieren im Gegenzug, dass ihnen (angemessene) gesetzliche Auflagen und Restriktionen auferlegt werden.

Die Medienunternehmen sehen sich jedoch mit Marktentwicklungen und zunehmend mit gesetzgeberischen Ansätzen konfrontiert, die ihre Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit bedrohen, ihnen den Zugang zum Verbraucher erschweren und die gleichzeitig das austarierte Gefüge der nationalen Medienordnung mit Blick auf Rechte und Pflichten der Inhalteanbieter in Frage stellen.

Die zunehmende vertikale Integration der Infrastrukturbetreiber, die Netze, Plattformen und Inhalte aus einer Hand anbieten, erhöht das Gefährdungspotenzial für den diskriminierungsfreien Zugang zu den Netzen und für faire Bedingungen der Weiterverbreitung. Die zunehmend zentralisierten digitalen Netzstrukturen erschweren den regional/lokalen Angeboten den Zugang zu ‚ihren’ Nutzern. Die parallele aktuelle europäische Diskussion um eine künftige Versteigerung von Rundfunkfrequenzen oder die drastische Einschränkung vielfaltsichernder Zugangsregeln in den Mitgliedsstaaten ebenso wie die nationale Tendenz, Plattformbetreibern pauschal ganze Frequenzbündel zur freien Verwendung zuzuweisen, zeigen das zunehmende Ungleichgewicht der Kräfte.

Um die Unabhängigkeit der Medienunternehmen zu wahren und faire Wettbewerbsbedingungen im Medienmarkt zu schaffen, muss die umfassende Vielfaltsicherung deshalb eine zentrale Aufgabe der Mediengesetzgebung bleiben. Die zuständigen Regulierungsinstanzen müssen verpflichtet und in der Lage sein, geeignete Maßnahmen gegen Diskriminierung (z.B. Abschmelzung bestehender Programme) zu ergreifen und den diskriminierungsfreien Zugang der Anbieter zu Verbreitungswegen, Plattformen und Verbrauchern sowie eine chancengleiche Auffindbarkeit der Programme über alle Netze hinweg sicherzustellen. Diese Anforderungen sind bei der Novellierung der §§ 52, 53 des Rundfunkstaatsvertrages zu berücksichtigen.

Die privaten Medienunternehmen wollen mit Innovationen und Investitionen die Digitalisierung unterstützen. Die Schaffung neuer digitaler Angebote,  neuer Wertschöpfung und neuer Arbeitsplätze ist wirtschaftlich jedoch nur möglich und tragfähig, wenn es faire Wettbewerbsbedingungen im Medienmarkt gibt. Die Expansion des öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Rundfunks in die neuen Medienmärkte verhindert die Entwicklung neuer Geschäfts- und Betätigungsfelder für private Medienunternehmen und damit das Entstehen einer breiten Anbieter-  und Meinungsvielfalt in der digitalen Welt. Ohne klare gesetzliche Begrenzungen der gebührenfinanzierten Angebote ist eine wirtschaftlich tragfähige Digitalisierung nicht möglich.


4.   Netzübergreifendes Gesamtkonzept für einen Analog-Digital-Umstieg

Der Digitalisierungsprozess in Deutschland kommt nur schleppend voran – von den rd. 37 Mio. TV-Haushalten empfangen immer noch rd. 22 Mio. nur analoge Signale.  Die digitale Terrestrik wird nur von einem geringen Anteil der Haushalte für den Fernsehempfang genutzt und ist deshalb für die Anbieter in der Nutzung weit überteuert. Ein Projekt zur adressierbaren Digitalisierung des Satellitenempfanges ist zunächst an Vorgaben der Wettbewerbsbehörden gescheitert und für das Breitbandkabel zeichnet sich derzeit – auch nach Aussagen der Betreiber – ein schleichender langjähriger Digitalisierungsprozess ab. Die Steigerungsraten des digitalen Empfanges von 2006 zu 2007 lagen laut Digitalisierungsbericht im Kabel gerade einmal bei 2 %, in der Terrestrik bei 5 % und beim Satelliten ebenfalls bei 5 % (gemessen an der jeweiligen Grundgesamtheit der HH).  Eine vollständige Digitalisierung würde bei Fortschreibung dieser Wert mehrere Jahrzehnte dauern.

Aus Sicht aller Inhalteanbieter sind mit dieser Perspektive existenzielle Risiken verbunden, u.a.:
- massiver Reichweitenverlust durch analoge Abschmelzung im Kabel ohne Ausgleich durch Zuwachs digitaler Reichweite;
- unzureichende digitale Reichweiten für only-digital-Abieter oder neue interaktive Angebote;
- sehr hohe Kostenbelastungen für den Simulcast;
- mangelnder Anreiz für Nutzer zum Wechsel auf Digitalempfang.

Vor diesem Hintergrund ist es unumgänglich, die Rahmenbedingungen der Digitalisierung gemäß der genannten Anforderungen anzupassen und den Digitalisierungsprozess maßgeblich zu beschleunigen. Ziel muss ein verbindliches Gesamtkonzept aller Marktpartner und der Regulierung für einen Analog-Digital-Umstieg sein, das für alle Beteiligten die Vorteile der Digitalisierung zum Tragen bringt und die Basis für die Verabredung eines konkreten Analog-Digital-Umstiegszeitpunktes schafft.

Ein netzübergreifend abgestimmter Analog-Digital-Umstieg wäre dabei auch im Interesse der Infrastrukturbetreiber und der Verbraucher. Die Kabelnetzbetreiber z.B. befürchten bei einem harten Umstieg Kunden an konkurrierende Plattformen zu verlieren. Dieses Risiko könnte durch die Umsetzung aller Grundanforderungen über alle Netze und mit einem verbindlichen, netzübergreifenden Umstiegsszenario minimiert werden. Die Satellitennetzbetreiber würden bei der Einführung von Adressierbarkeit und Grundverschlüsselung – ohne die die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit ihrer Infrastruktur gefährdet wäre – ebenfalls von einem abgestimmten Analog-Digital-Umstieg profitieren. Der Verbraucher würde frühzeitig und verbindlich über die Entwicklungen der Digitalisierung informiert und wäre damit in der Lage, seine Empfangs- und Endgerätesituation entsprechend seiner Präferenzen zukunftsfähig anzupasssen. Gleichzeitig könnten kapazitätsintensive Angebote etwa mit höherer Auflösung (High Definition) netzübergreifend angeboten werden und damit einen zusätzlichen Mehrwert für den Verbraucher darstellen, ohne gleichzeitig das bestehende Vielfaltsangebot über eine längere Migrationsphase zu gefährden.


Zusammenfassung / Kernforderungen

Die Digitalisierung der Fernsehübertragungswege in Deutschland ist aus Sicht der Inhalteanbieter quantitativ und qualitativ äußerst kritikwürdig:

- die derzeitigen Steigerungsraten fortgeschrieben, ist eine vollständige Digitalisierung auch in mehr als zwei Jahrzehnten nicht abzusehen;
- der Großteil der digitalen Empfangsgeräte sind reine Zappingboxen, die nicht in der Lage sind, adressierte oder interaktive digitale Angebote zu empfangen/zu verarbeiten.

Eine Fortschreibung der aktuellen Entwicklungen bedeutet existentielle Risiken für die Anbieter von Rundfunk und vergleichbaren Telemedien, die Blockade der Entwicklung neuer Inhaltsangebote und  letztlich das Scheitern einer erfolgreichen Digitalisierung.

Es muss Zielstellung aller Marktpartner und der Medienpolitik sein,  die Voraussetzungen für eine maßgeblich beschleunigte, in ihren Strukturen zukunftsfähige Digitalisierung der Fernsehübertragungswege zu schaffen und sich auf ein konkretes, möglichst zeitnahes Umstiegsdatum zu verständigen.

Unabdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung sind:

- klare Vorgaben an die Endgeräteindustrie, nur noch zukunftsfähige Empfangsgeräte in den Markt zu bringen, die auf Basis netzübergreifender Standards und interoperabler Schnittstellen alle digitalen Angebotsformen verarbeiten können;

- die Einführung der Grundverschlüsselbarkeit über alle digitalen Netze und damit die Schaffung intelligenter nationaler und regionaler Netzstrukturen vom Sender bis zum Empfänger, die umfassenden Signalschutz, Interaktivität und Adressierbarkeit der Endgeräte erlauben;

- rechtliche Rahmenbedingungen, die technologieneutral die Bedeutung des Rundfunks, die programmliche Vielfalt  und die Wettbewerbsfähigkeit der privaten Medienunternehmen sichern, indem u.a. die Diskriminierung beim Zugang zu Verbreitungswegen, Plattformen und Verbrauchern, auch im Verhältnis zu gebührenfinanzierten Angeboten, ausgeschlossen wird.

Ein von allen getragenes Gesamtkonzept für eine erfolgreiche Digitalisierung durch einen netzübergreifend abgestimmten Analog-Digital-Umstieg schafft Planungs- und Investitionssicherheit und liegt sowohl im Interesse der Inhalteanbieter als auch der Infrastrukturanbieter, der Endgerätehersteller und der Verbraucher.

Berlin, 22. Juni 2007
(Daten aktualisiert im August 2007)

Ansprechpartner

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Daniela Beaujean

Geschäftsführerin

Frank Giersberg

Geschäftsführer

René Böhnke

Senior Referent Medientechnologie & IT