Back to top

„Die Politik muss mit dem Tempo der technischen Entwicklung Schritt halten“

26.10.2018

VAUNET-Panel zu Algorithmen, die Programmauswahl steuern: Intermediäre und Plattformen als Gatekeeper zum Publikum

Plattformen, Suchmaschinen und Empfehlungssysteme haben einen großen Einfluss auf die Auswahlentscheidungen für TV-Programme. Sie bündeln, selektieren vor und highlighten bestimmte Programme. Mit einem neuen Medienstaatsvertrag wollen die Bundesländer derzeit die rechtlichen Rahmenbedingungen für dieses komplementäre Verhältnis überarbeiten.

Hans Demmel, Vorstandsvorsitzender des VAUNET – Verband Privater Medien und Geschäftsführer von n-tv, bewertet den Medienstaatsvertrag als „Weg in die richtige Richtung“, forderte gleichzeitig aber: „Die Politik muss in allen Bereichen mit dem Tempo der technischen Entwicklung Schritt halten.“ Der Medienstaatsvertrag und insbesondere die Plattformregulierung sollten „zügig beschlossen werden, damit die Regelungen zum Zeitpunkt der Verabschiedung nicht schon wieder überholt sind“, so Demmel auf dem VAUNET-Panel „Die TV-Agenda: Fernbedienung ade? Was sieht der Zuschauer, wenn Algorithmen die Programmauswahl steuern? Intermediäre und Plattformen als Gatekeeper zum Publikum“ auf den Medientagen München am 25. Oktober.

Neben der Geschwindigkeit der Ausarbeitung kritisierte Demmel insbesondere die vorgeschlagene Regulierung von Intermediären. Danach sollen Intermediäre weniger reguliert werden als Medienplattformen, obwohl sie meist marktmächtiger sind und mindestens genauso vielfaltsgefährdend für den Rundfunk. „Der jetzige Entwurf des Medienstaatsvertrags macht es schwer, Einzelfallkonstellationen wie zum Beispiel Sprachassistenten klar einer Kategorie zuzuordnen“, so Demmel. Positiv bewertete Demmel die Frequenz und Anzahl der Gespräche der am Medienstaatsvertrag beteiligten Parteien. Aber vor allem eins sei jetzt wichtig: „Tempo, Tempo, Tempo.“

Cornelia Holsten, Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten und Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, kritisierte: „Im Medienstaatsvertrag fehlt bei Medienintermediären bislang die Regelung, dass Landesmedienanstalten bei einem Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot auch von Amts wegen tätig werden können. Wenn die GAFAs in die Regulierung einbezogen werden sollen, muss hier dringend nachgebessert werden. Welcher Inhalteanbieter kann sich schon leisten, eine Diskriminierung anzuzeigen, wenn er zugleich vom Intermediär abhängig ist?“

Die Kunden wollen Recommendation, stellte Susanne Krian, Leiterin Content Partnering, Telekom, in ihrer Keynote „Hello Magenta, die aktuelle Plattformstrategie der Telekom“ fest.
Studien hätten ergeben, dass 70 Prozent der Nutzer Recommendation-Systeme für hilfreich halten. Ihr Fazit: „Die Zukunft ist die smarte Personalisierung.“ Aus diesem Grund müssen „Plattform und Content-Anbieter die Zukunft gemeinsam gestalten.“ Diskriminierungsfreiheit der Ergebnisse und Datenschutz bildeten hier den rechtlichen Rahmen. „Recommendation Engines und Sprachsteuerung gehören heute auf die Agenda der deutschen Medien und Politik, um nicht wichtige Zeit zu verlieren“, forderte die Telekom-Managerin.

Mit der provokanten These „Algorithmen und smarte Systeme sind nicht intelligent, sondern Code“ leitete Dr. Simon Berghofer, Referent Medienökonomie und Forschung, die medienanstalten, sein Impulsreferat „Intermediäre und Plattformen als Gatekeeper zum Publikum – Drei Thesen (nicht nur) zum Digitalisierungsbericht 2018“ ein. Sprachassistenten machten nicht mehr als eine Suchanfrage. Aber: Sie bilden eine zentrale Schnittstelle zwischen Anbieter und Rezipienten. Aus diesem Grund „kommen wir nicht ohne Orientierung aus“, stellt Berghofer fest. Eine weitere These Berghofers: „Code is law – auch auf Plattformen und Benutzeroberflächen“. Die vorgegebenen Programmlisten werden vom Zuschauer kaum verändert. Es sei daher wichtig, dass die dem zugrundeliegende Programmlogik transparent gemacht werde. Denn: Je komplexer die technischen Systeme, umso höher sei das Diskriminierungspotential. Dr. Berghofers Fazit lautete daher: „Zugangsoffenheit und Transparenz als Notwendigkeit.“

Eine Forderung, der sich die Inhaltevertreter des Panels anschlossen. Dr. Michael Müller, Chief Distribution Officer – Legal & Regulatory der ProSiebenSat1 Media SE, warnte vor einem entstehenden „Plattformkapitalismus“. Die Plattform habe aber die Funktion, Anbieter und Endkunden zusammenzubringen und davon alle profitieren zu lassen.

„Die Zukunft braucht Regeln“, sagte Dr. Matthias Kirschenhofer, Geschäftsführer Entertainment der Sport1 Media GmbH und Vorstand Recht und Finanzen der Constantin Medien AG. „Es geht um Transparenz, Zugang und die Notwendigkeit von Beteiligungsrechten der Sender bei der Belegung und Auffindbarkeit.“ Grundprinzipien wie Chancengleichheit und Diskriminierungsfreiheit seien dabei unabdingbare Voraussetzungen für den Erhalt der Vielfalt, bilanzierte Dr. Kirschenhofer.

Für Susanne Krian gibt es nur eine Möglichkeit, auf den sich rasant verändernden Markt zu reagieren: „Wir müssen die Herausforderung gemeinsam gestalten. Sonst gewöhnt sich der Kunde an Angebote, die er in einem nicht regulierten Markt erhält, und andere machen das Geschäft. Das darf nicht passieren.“

 

Cornelia Holsten, Bremische Landesmedienanstalt, fasst ihre wichtigsten Anliegen zusammen.

 

Petra Schwegler, Moderatorin des Video-Panels, zieht Bilanz.

 

Für Rückfragen:
Pressesprecher Hartmut Schultz, Hartmut Schultz Kommunikation GmbH T | +49 30 3 98 80-101, E | hs@schultz-kommunikation.com

Über VAUNET:
VAUNET ist der Spitzenverband der privaten audiovisuellen Medien in Deutschland. Unter VAUNET – Verband Privater Medien e.V. firmiert seit dem 21. Mai 2018 der vormalige VPRT (Verband Privater Rundfunk und Telemedien) mit Sitz in Berlin und einem Büro in Brüssel. Zu den vielfältigen Geschäftsfeldern der rund 150 Mitgliedern gehören TV-, Radio-, Web- und Streamingangebote.
Die Verbandsarbeit richtet sich an der konvergenten Entwicklung der Märkte für audiovisuelle Medien aus und gestaltet auf nationaler wie europäischer Ebene die Rahmenbedingungen aktiv mit. Der Wirtschaftsverband hat zum Ziel, Akzeptanz für die politischen und wirtschaftlichen Anliegen der audiovisuellen Medien zu schaffen sowie die große gesellschaftspolitische und kulturelle Bedeutung der Branche im digitalen Zeitalter ins Bewusstsein zu rücken.

VAUNET – Verband Privater Medien e. V.
Stromstraße 1, 10555 Berlin
Rue des Deux Eglises 26, B-1000 Bruxelles – Büro Brüssel

T | +49 30 3 98 80-0, F | +49 30 3 98 80-148
E | info@vau.net

www.vau.net

Ansprechpartner

Hartmut Schultz

Pressesprecher