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Hintergrundpapier der Fachbereiche Fernsehen und Multimedia im VPRT ‘Zur Bedeutung der Grundverschlüsselung für die Digitalisierung der Rundfunkübertragungswege’

04.06.2007

Zusammenfassung:

Die Grundverschlüsselung ist ein technisches Instrument, um digital verbreitete Rundfunkprogramme und Mediendienste vor unerlaubtem Zugriff zu schützen.

Die Grundverschlüsselung ist unverzichtbare Voraussetzung für einen Schutz des Sendesignals vor Piraterie und Verletzung seiner Integrität. Zusammen mit der Anforderung zur territorialen Rechtewahrnehmung (Gebietsschutz) ist die Grundverschlüsselung damit auch Folge und gleichzeitig Voraussetzung für eine nachhaltig zukunftssichere Digitalisierung.

Unter Grundverschlüsselung versteht man das grundsätzliche Verschlüsseln aller gesendeten Programme, auch der kostenlos empfangbaren Programme (Free-To-Air). Bislang wurden nur die Pay-Programme verschlüsselt.

Die Grundverschlüsselung von Signalen bedeutet nicht, dass damit alle Angebote und Dienste zu Pay-Angeboten werden.

Mit der Grundverschlüsselung wird die Option geschaffen, neben Free-Angeboten alle Formen von Pay-Inhalten (Abo; Pay-per-View; OnDemand) sowie interaktive und individualisierte Dienste anzubieten und für den Konsumenten leicht zugänglich zu machen.

Die Grundverschlüsselung ist in der digitalen Verbreitung eine elementare Voraussetzung, um eine breite technische Basis für alle denkbaren Geschäftsmodelle zu schaffen, die auf einer Adressierbarkeit der Endgeräte aufsetzen.

Frei empfangbare Angebote (z.B. werbefinanzierte Fernseh- und Hörfunkprogramme oder die gebührenfinanzierten Angebote) können per se freigeschaltet werden, andere Angebote können gegen Entgelt frei geschaltet und genutzt werden.

Die Grundverschlüsselung digitaler Signale ist überall in Europa Normalität, in Deutschland ist auf Grundlage teilweise falscher Behauptungen hierzu eine heftige öffentliche Debatte entbrannt.

Ohne eine Grundverschlüsselung der Signale über alle digitalen Verbreitungswege hinweg, wird das Innovations- und Wachstumspotential der Digitalisierung nicht ausgeschöpft werden können.

Gliederung:

1. Grundverschlüsselung: in Deutschland in der Kritik, in Europa Normalität
2. Rahmenbedingungen der Digitalisierung: Wachsender Wettbewerb, begrenzte Refinanzierungsbasis
3. Grundverschlüsselung als Voraussetzung der Adressierung und neuer Geschäftsmodelle
4. Bedeutung der Grundverschlüsselung für eine nachhaltig zukunftssichere Digitalisierung
   4.1. Grundverschlüsselung als Voraussetzung für den Schutz der Signale
   4.2. Grundverschlüsselung als Baustein für effektiven Jugendschutz
   4.3. Grundverschlüsselung als Voraussetzung zur Erweiterung des Angebotsspektrums
   4.4. Vorteile der Grundverschlüsselung aus der Sicht des Verbrauchers
5. Grundverschlüsselung auf allen Übertragungswegen


1. Grundverschlüsselung: in Deutschland in der Kritik, in Europa Normalität

Ende der 90er Jahre entbrannte in der Medienbranche vor dem Hintergrund der Pläne der Deutschen Telekom, die digitalen Signale im Hyperband zu verschlüsseln, eine heftige Debatte zur Grund- oder Transportverschlüsselung. Aufgrund des Widerstandes der öffentlich-rechtlichen Anstalten und aufgrund der Forderung der Privaten nach Gleichbehandlung wurde das Thema ‚auf Eis’ gelegt. Durch den Verkauf der Telekomnetze und die damit verbundenen Umstrukturierungsprozesse rückte die Grundverschlüsselung im Kabel über Jahre in den Hintergrund. Ende des Jahres 2005 verständigten sich die großen privaten Fernsehhäuser mit der KDG auf eine Grundverschlüsselung ihrer digitalen Signale. Dies löste jedoch keine weiterreichende brancheninterne oder politisch-öffentliche Befassung mit dem Thema aus.

Parallel wird seit Anfang 2006 die Grundverschlüsselung im Zusammenhang mit dem geplanten Start der terrestrischen Standards DMB und DVB-H thematisiert – allerdings ausschließlich im Rahmen von Fachforen und Branchengesprächen. Mit Ausnahme der gebührenfinanzierten Anstalten sind sich die Marktteilnehmer einig, dass die Übertragung in DMB und DVB-H grundverschlüsselt erfolgen muss, um neue Geschäftsmodelle über die Terrestrik zu ermöglichen.

Die breitere Öffentlichkeit hat die Diskussion über die Grundverschlüsselung erst aufgrund der im März 2006 offiziell kommunizierten Pläne des Satellitenbetreibers SES Astra erreicht. Die SES hatte angekündigt, eine grundverschlüsselte digitale Satellitenplattform zu starten und bei den Kunden eine „Freischaltgebühr“ sowie ein geringes monatliches Entgelt zu erheben. Dies löste eine Vielzahl von Reaktionen aus – Politiker, Verbraucherschützer, Landesmedienstalten haben die Pläne der SES (teilweise heftig) verurteilt. Die Begründungen lassen vermuten, dass ohne solides Grundwissen über die technischen Zusammenhänge und die wirtschaftliche Bedeutung geurteilt wurde.

Aus Sicht der privaten Rundfunk- und Medienunternehmen ist die Grundverschlüsselung in der digitalen Übertragung ein wesentlicher Baustein, um eine zukunftssichere Digitalisierung in Deutschland voranzutreiben. Es liegt daher im Interesse des VPRT, dass dieses Thema sachlich aufbereitet und umfassend bewertet wird. Ziel des vorliegenden Papieres ist es, die Kernfragen zum Thema Grundverschlüsselung fundiert aufzuarbeiten. Die deutsche Politik als Förderer und Forderer der Digitalisierung muss sich den veränderten Anforderungen des Marktes mit der notwendigen Offenheit stellen.

In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass die in Deutschland erkennbare breite politische und öffentliche Ablehnung der Grundverschlüsselung in Europa ein singuläres Phänomen ist. In den europäischen Nachbarstaaten hat sich die Grundverschlüsselung in der digitalen Übertragung in unterschiedlichen Modellen durchgesetzt. Dies hat gute Gründe, wie die nachfolgenden Argumente belegen.

2. Rahmenbedingungen der Digitalisierung: Wachsender Wettbewerb, begrenzte Refinanzierungsbasis

Die Digitalisierung der Rundfunkübertragungswege ist in vollem Gange. Neue Übertragungswege für die elektronischen Medien werden auf- und ausgebaut. Die technologische Konvergenz erfasst Übertragungswege, Inhalte und Empfangsgeräte. Die Fortschritte in der Kompressions- und Speichertechnologie steigern die Leistungsfähigkeit von Netzen und Empfängern in großen Entwicklungssprüngen. Rundfunk, Mediendienste, Onlineangebote, interaktive Services, Telefonie – die meisten Angebote werden zukünftig über eine Vielzahl von Netzen und Endgeräten nutzbar. Die Nutzung der elektronischen Medienangebote wird örtlich und zeitlich zunehmend vom Verbraucher bestimmt.

Einige zentrale Fragen der Digitalisierung, wie z. B. der effektive Schutz der Sendeangebote oder die Fragen, welche Inhalte zu welchen Bedingungen vom Verbraucher angenommen werden oder wie sich die Inhalte im verschärften Wettbewerb der digitalen Welt refinanzieren können, sind noch offen. Wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Digitalisierung – sei es aus Sicht der Wirtschaft oder des Verbrauchers – ist die Schaffung von Rahmenbedingungen, die es erlauben, die Vorteile und Chancen der Digitalisierung nachhaltig umzusetzen. Dabei gilt es, die nachfolgenden Fakten zu berücksichtigen:

· Die Rechte für Inhalte, seien es Filme oder die Übertragung von Sportereignisse werden zunehmend nur unter Auflagen betreffend eine begrenzte territoriale Verbreitung und/oder ein DigitalRightsManagement (DRM)-System zu Schutz der Signale verkauft und vergeben.
· Programm- und Inhalteanbieter sehen sich mit verschiedenen Kostenblöcken konfrontiert, die durch die Digitalisierung kurz- und mittelfristig wachsen: technische Infrastruktur im Sender, um die Inhalte für die unterschiedlichen Standards und Nutzungen aufzubereiten; Kosten für die Zuführung der Signale zu den Netzen, Kosten für die Verbreitung der Signale über die Netze, Kosten für den Simulcast; Rechtekosten.
· Alle technischen Infrastrukturen und alle darüber verbreiteten private Programme und Dienste müssen sich refinanzieren. Je mehr Übertragungswege in den Wettbewerb treten, umso schärfer die Konkurrenz der Inhalteanbieter, aber auch der Netzbetreiber. Zur Zeit tragen die Inhalteanbieter einen großen Teil der Kosten der technischen Infrastruktur, dies wird in der digitalen Welt nicht mehr möglich sein.
· Insbesondere werbefinanzierte Angebote benötigen sowohl in der analogen wie auch in der digitalen Übertragung möglichst hohe Reichweiten, um sich refinanzieren zu können. Je mehr Angebote in Konkurrenz zueinander stehen, umso schwieriger wird die Refinanzierung aus Werbung allein. Da sich die Nutzer auf immer mehr Netze und Endgeräte verteilen, müssen werbefinanzierte Angebote in der Regel über alle Netze verbreitet werden, um Reichweitenverluste zu vermeiden. Zudem erlauben immer mehr Endgeräte die zeitversetzte Nutzung der Angebote.
· Neben die Free-Angebote treten schon seit einigen Jahren zunehmend Pay-Angebote, transaktionsfinanzierte und individualisierte kostenpflichtige Dienste in den Markt. Die Digitalisierung wird – auch und insbesondere mit Blick auf die mögliche Interaktivität – zu einer Vielzahl von Angeboten führen, die sich aus unterschiedlichen Quellen refinanzieren. Alle Anbieter von Inhalten sind deshalb darauf angewiesen, dass die Endgeräte beim Verbraucher in der Lage sind, die unterschiedlichen Angebote zu empfangen und Abrechnungsplattformen aufgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund weist der VPRT darauf hin, dass die privaten Inhalteanbieter zunehmend gezwungen sind, zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit, zum Schutz ihrer Programme und zur Refinanzierung ihrer Angebote ihre Signale zu verschlüsseln. Eine Digitalisierung ohne Grundverschlüsselung ist daher nicht nachhaltig zukunftssicher und schadet mittelfristig dem Verbraucher, da er bei einer erst späteren Verschlüsselung gezwungen sein wird, bereits erworbene Endgeräte auszutauschen.

3. Grundverschlüsselung als Voraussetzung der Adressierung und Basis unterschiedlichster Geschäftsmodelle

Die Grundverschlüsselung ist ein technisches Tool, mit dem zunächst nur die Voraussetzung dafür geschaffen wird, dass sich der Empfänger identifizieren muss, bevor er ein Signal verarbeiten kann. Umgekehrt kann der Netzbetreiber, der Plattformbetreiber oder der Programm- und Diensteanbieter dadurch den Empfänger auch adressieren, d.h. er kann einem Nutzer/Kunden, wenn gewünscht, individualisierte Angebote senden.

Durch die Grundverschlüsselung und die Entschlüsselung wird also eine direkte Beziehung zum Endverbraucher/Endgerät aufgebaut. Die Identifizierung des Empfängers kann sowohl personalisiert werden, als auch an das Gerät gebunden sein. Das Prinzip der Geräteidentifikation/Adressierung ist heute schon sowohl im Handy-Bereich etabliert und akzeptiert – ebenso im Online-Bereich.

Durch die Grundverschlüsselung über ein ConditionalAccess-System (CA) wird die Option des Einsatzes von Abrechnungssystemen beim Endverbraucher geschaffen, d.h. der Verbraucher kann Pay-Angebote in Anspruch nehmen, muss es aber nicht. Damit wird auf der Anbieterseite die Refinanzierungsbasis von Inhalten (Video, Audio, Daten) um den Bereich der leistungsbezogenen Entgeltfinanzierung erweitert.

Die Einführung einer Grundverschlüsselung ist nicht gleichzusetzen mit der Umwandlung aller Angebote in Pay-Dienste. Durch die Grundverschlüsselung und die darauf aufsetzenden weiteren Verschlüsselungen können verschiedene Möglichkeiten der Freischaltung und verschiedene Geschäftsmodelle zwischen Netzbetreiber, Plattformbetreiber, Inhalteanbieter und Verbraucher realisiert werden (z. B.):

Verwaltetes Digital-Free: Das Programm und Diensteangebot wird frei geschaltet, sobald der Teilnehmer/das Endgerät identifiziert ist und evtl. entsprechende Voraussetzungen erfüllt (Beispiel: Beschränkung des Sendegebietes aus urheberrechtlichen Gründen; Beschränkung des Empfanges aus Jugendschutzgründen; Aufrechterhalten der Option entgeltpflichtige Einzeldienste anzubieten).

Digital-Free mit Entgelt für Übertragungsleistung/technische Dienstleistung: Das Programm und Diensteangebot wird frei geschaltet, sobald der Endteilnehmer ein Entgelt für die Übertragungsleistung an den Netzbetreiber entrichtet hat (einmalig und/oder monatlich). Im Kabel hat sich eine einmalige Anschlussgebühr und ein monatliches Bereitstellungsentgelt durchgesetzt. Gleiches gilt für DSL.

Pay-Angebote/verschiedene Formen: Das Programm und Diensteangebot wird (einzeln oder als Bouquet) frei geschaltet, wenn der Empfänger ein Entgelt gezahlt hat oder zahlt ( auch Pay-per-View). Pay-TV kann auch heißen, dass das Entgelt für die Nutzung des Programmes sehr gering ist, der Veranstalter sich daneben aus Werbung finanziert.

Die Freischaltung der Endgeräte sollte sowohl seitens des Netzbetreibers, des Plattformbetreibers als auch seitens des Programmanbieters veranlasst werden können – je nach dem, wer den direkten Kundenkontakt hat. Dabei kann die Freischaltung z.B. durch die Software gesteuert werden (hier werden die Geräte vom Netz-/Plattformbetreiber oder Inhalteanbieter freigeschaltet) oder aber durch den Einsatz unterschiedlicher Smard-Cards. Diese werden vom Nutzer in den dafür an der Set-Top-Box/Endgerät vorgesehen Einschub gesteckt.

4. Bedeutung der Grundverschlüsselung für eine nachhaltig zukunftssichere Digitalisierung

4.1. Grundverschlüsselung als Voraussetzung für den Schutz der Signale (CopyProtection; Gebietsschutz, Signalintegrität)

Die Digitalisierung von Netzen, Angeboten und Endgeräten birgt für die Urheber und Anbieter von Inhalten erhebliche Risiken mit Blick auf den unerlaubten Zugriff und die unerlaubte Weiterleitung und Verarbeitung ihrer Signale. Digitale Inhalte können über digitale Endgeräte und Netze sehr viel einfacher als in der analogen Welt kopiert, bearbeitet oder weitergeleitet werden. Die digitale Datenpiraterie kann nur wirksam bekämpft werden, indem die Anbieter den unerlaubten Zugriff, das unerlaubte Kopieren, die unerlaubte Veränderung und Weiterverbreitung ihrer Sendesignale und Inhalte durch den Einsatz von DigitalRightsManagement-Systemen (DRM) verhindern. Hierzu müssen die Signale verschlüsselt werden. Die Grundverschlüsselung ist ein effektiver Weg um den Schutz der Signale durchzusetzen.

Die Inhaber von Rechten (ob Film- oder Sportrechte) verkaufen diese mit dem Ziel der möglichst umfassenden Ausschöpfung der Verwertungskette zunehmend ‚kleinteiliger’ – d.h. nur für bestimmte Lizenzgebiete oder nur mit der Auflage des Einsatzes von DRM-Systemen. Insbesondere mit Blick auf den sog. Gebietsschutz von Rechten ist eine Grundverschlüsselung der Signale notwendig, damit die empfangsberechtigten Nutzer im intendierten Sendegebiet identifiziert und (mit dem Signal) adressiert werden können. Ohne Grundverschlüsselung wird es für die Programm- und Diensteanbieter immer schwieriger, Rechte an Filmwerken oder Sport- oder sonstigen Großereignissen zu erwerben. Auch die Sicherung der Signalintegrität ist ohne Grundverschlüsselung nicht zu leisten. Grundverschlüsselung ist somit Folge und unverzichtbare Vorausaussetzung der Digitalisierung.

4.2. Grundverschlüsselung als Baustein für effektiven Jugendschutz

Die Digitalisierung der Übertragungswege und die Möglichkeiten der (programm-) -zeitunabhängigen Nutzung der Inhalte, aber auch die Konvergenz der Inhalte und Wege stellt den Jugendschutz vor neue Herausforderungen. Werden in Zukunft alle Programme und Dienste über alle Netze und Endgeräte verfügbar und sowohl zeitgleich als auch zeitversetzt nutzbar, so müssen die Anbieter durch den Einsatz technischer Mittel in der Lage sein, den Anforderungen des Jugendschutzes zu entsprechen. Hierzu gehören in der digitalen Welt auch der kontrollierte Zugang von Kindern und Jugendlichen zu jugendschutzrelevanten Inhalten z.B. durch den Einsatz von Altersverifikationssystemen oder auch Jugendschutzprogrammen. Die Identifikation des Empfängers und dessen Adressierbarkeit sind dabei wichtige Bausteine für einen effektiven Jugendschutz.

4.3. Grundverschlüsselung als Voraussetzung für die Erweiterung des Angebotsspektrums

Digitaler Hörfunk, digitales Fernsehen und digitale Dienste können sich wie folgt refinanzieren:
· aus Gebühren (gesetzlich vorgeschrieben - öffentlich-rechtliche Angebote)
· aus Werbung / Sponsoring / neue Werbeformen
· aus leistungsbezogenen Teilnehmerentgelten (Abo, VOD/ODD, Pay-per-View etc.)
· aus Umsätzen durch E-Commerce/Transaktionen (z. B. Home-Shopping; Telefonmehrwertdiensten)
· aus Entgelten, die z. B. der Netzbetreiber/Serviceprovider an den Inhalteanbieter zahlt, um sein Angebot/seinen Anschluss für den Nutzer attraktiv zu gestalten (Amerikanisches Modell)
 
Nimmt man die ‘klassischen Free-To-Air’-Programme, den Verkauf der Inhalte an Netzbetreiber/Serviceprovider und einige Formen des E-Commerce aus, sind Formen der leistungsbezogenen Entgeltfinanzierung nur umsetzbar, wenn beim Nutzer eine technische Plattform aufgebaut wird, die die Einführung eines Abrechnungssystems erlaubt. Dazu ist grundsätzlich eine Grundverschlüsselung und der Einsatz eines CA-Systems, also ein Decoder als technische Plattform beim Endverbraucher, erforderlich. In hybriden Netzstrukturen kann auch die Abrechnungsplattform z.B. der Telefondiensteanbieter genutzt werden.
 
Durch die Adressierbarkeit und den Aufbau von Abrechnungsplattformen wird sich das Angebotsspektrum im Markt verbreitern. Mit Blick auf die erhoffte Innovation und neue Wertschöpfung durch die Digitalisierung ist Grundverschlüsselung daher eine notwendige Voraussetzung zur wirtschaftlich sinnvollen Erschließung und Entwicklung der digitalen Märkte sowohl für Programm- und Diensteanbieter, Netz- und Plattformbetreiber als auch für den Verbraucher.
 
4.4. Vorteile der Grundverschlüsselung aus der Sicht des Verbrauchers

 
Die Vorteile des Einsatzes der Grundverschlüsselung aus der Sicht des Verbrauchers sind:
 
· Nur mit einer Grundverschlüsselung kann mit Blick auf die Rechtesituation eine qualitativ hochwertige Free-TV-Landschaft erhalten und fortentwickelt werden.
· Mit der Grundverschlüsselung wird eine technische Infrastruktur aufgebaut, die eine direkte Anbieter-Nutzer-Beziehung erlaubt und damit die Option von individuellen Auswahl- und Nutzungsprozessen sowie leistungsbezogenen Entgelt- und Abrechnungssystemen schafft.
· Aufgrund der Verbreiterung der Refinanzierungsmöglichkeiten wird sich das Angebotsspektrum um Programmangebote und Dienste erweitern, die sich nicht oder nicht ausschließlich aus Werbung/Sponsoring etc. finanzieren lassen.
· Die Integration des CA in alle Decoder oder deren Ausstattung mit einer Common Interface Schnittstelle bedeutet, dass der Verbraucher mit einer Box/einem Endgerät die Sicherheit hat, alle Dienste empfangen zu können, vorausgesetzt, dass der Zugang zum CA-System und zur Common Interface Schnittstelle offen und diskriminierungsfrei gestaltet sind.

An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, das es auch Nachteile des Einsatzes der Grundverschlüsselung gibt. So können die Decoder durch die Integration des CA etwas teurer werden (sowohl wegen des notwendigen CA-Moduls als auch hinsichtlich der Lizenzen) und auch Betrieb/Verwaltung der Abrechnungssysteme bedeuten einen finanziellen Mehraufwand, der von den Marktbeteiligten getragen werden muss. Mehrkosten bedeuten in der Regel höhere Akzeptanzschwellen und höhere Marktzutrittsbarrieren. Dem stehen jedoch die Vorteile der zukunftstauglichen Endgeräte, des verbreiterten Angebotsspektrums und der größeren Wahlfreiheit des Verbrauchers gegenüber.

5. Grundverschlüsselung auf allen Übertragungswegen

Bislang gingen die Übertragungswege des Rundfunks und der Mediendienste hinsichtlich der Digitalisierung unterschiedliche Wege. Während die Kabelnetzbetreiber schon in der analogen Welt über die Anschlussverträge den direkten Kundenkontakt und ein Abrechnungssystem aufgebaut haben und einige Kabelnetzbetreiber dies in der digitalen Übertragung durch die Grundverschlüsselung ausbauen, wurden bislang in der Satellitenübertragung und der Terrestrik vornehmlich Modelle ohne direkten Kundenkontakt angeboten. Die Kosten der technischen Infrastruktur mussten von den Inhalteanbietern getragen werden. Sowohl die Satellitenbetreiber als auch die kommerziellen Betreiber der terrestrischen Sendernetze und Plattformen haben jedoch erkannt, dass ohne adressierbare Endgeräte eine Vielzahl von Angebotsformen über ihre Netze nicht umgesetzt werden können und sich weder die technische Infrastruktur noch die verfügbaren digitalen Kapazitäten ohne diese refinanzieren lassen.

Das Prinzip der Grundverschlüsselung und der Aufbau einer abrechnungsorientierten Empfangssituation beim Verbraucher lassen sich wirtschaftlich sinnvoll nicht auf nur einem Übertragungsweg durchsetzen. Mit Blick auf den Wettbewerb der Netze einerseits aber auch mit Blick auf die Reichweite eines Angebotes und die notwendigen Rechte, lassen sich Programme und Dienste wirtschaftlich nur mit dem gleichen Geschäftsmodell über alle Übertragungswege verbreiten. Es liegt deshalb im Interesse der Inhalteanbieter, dass alle Übertragungswege durch eine Grundverschlüsselung mit einem offenen und diskriminierungsfreien einheitlichen Standard die Option für alle Geschäftsmodelle schaffen. Hierbei ist die diskriminierungsfreie Gleichbehandlung aller Verbreitungswege zu beachten, um ein Gleichgewicht der Infrastrukturen zu gewährleisten.

Berlin im April 2006

Ansprechpartner

Frank Giersberg

Geschäftsführer / Kaufmännischer Leiter