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Medienvertrauen: Polarisierung innerhalb der Bevölkerung nimmt zu

27.02.2020

"Lügenpresse"-Vorwürfe sind weiterhin verbreitet, aber immer mehr Bürger widersprechen offen. Dabei variiert das Vertrauen in Medien nach Themen, relativ hoch ist es bei den Themen Klimawandel und Wohnungsnot. Dies weisen aktuelle Ergebnisse der Langzeitstudie "Medienvertrauen" aus, die am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) durchgeführt wird. Der Erhebung zufolge, wirft etwa jeder fünfte Bürger in Deutschland den Medien vor, die Bevölkerung systematisch zu belügen. Zugleich wächst die Zahl der Menschen, die solche Vorwürfe zurückweisen.

Insgesamt stimmen 18 Prozent der Bevölkerung der Aussage zu: "Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen." 2018 waren es 16 Prozent, 2016 sogar 19 Prozent. In der neuen Umfrage weisen jedoch 58 Prozent den "Lügenpresse"-Vorwurf zurück – dies ist der bisher höchste gemessene Wert in der Langzeitstudie. Ein Jahr zuvor waren es 51 Prozent, 2016 nur 44 Prozent. Die Zahl der Menschen, die sich nicht festlegen wollen, ist kontinuierlich gesunken und liegt nun bei 22 Prozent.

Auch im Hinblick auf die Bundestagswahlen im Jahr 2021 muss festgehalten werden, dass sich auch ähnliche Polarisierungstendenzen wie beim "Lügenpresse"-Vorwurf innerhalb der Bevölkerung bei anderen Aussagen zeigen. So stimmen 23 Prozent der Aussage zu: "Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren." 53 Prozent wenden sich gegen diesen Vorwurf. Im Jahr 2016 lag die Zustimmung bei 27 Prozent, die Ablehnung bei 40 Prozent. Insgesamt weisen mehr Menschen als in den vergangenen Jahren Aussagen zurück, die den Medien absichtliche Manipulation und systematische Lüge vorwerfen. 43 Prozent der Befragten vertrauen den etablierten Medien in wichtigen Fragen.

Geringe Zufriedenheit mit der Demokratie und pauschale Medienkritik hängen zusammen

Wie in den Vorjahren legen die Befunde nahe, dass das Vertrauen in die etablierten Medien im Zuge der "Lügenpresse"-Debatte keineswegs in großem Stil erodiert ist. Dennoch hat sich ein relevanter Kern an Kritikern herausgebildet, der die etablierten Medien pauschal verurteilt. Dieser Kern ist zuletzt angewachsen, bei einer insgesamt seit Jahren zunehmenden Polarisierung, die sich klar in den Daten niederschlägt. Laut Studie finden sich Menschen, die gegenüber den etablierten Medien zynisch eingestellt sind, überdurchschnittlich häufig am rechten Rand des politischen Spektrums. Sie sind formal niedriger gebildet, deutlich politikverdrossener und sie haben Angst, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in der Zukunft verschlechtern wird. Darüber hinaus zeigt sich, dass die etablierten Medien vor allem von denjenigen Bürgern pauschal verurteilt werden, die häufig alternative Nachrichtenquellen im Social Web konsumieren und regelmäßig Nutzerkommentare auf den Seiten der etablierten Medien schreiben.

Vertrauen in Berichterstattung über Wohnungsnot und Klimawandel relativ hoch

Das Medienvertrauen der Bürger ist nicht über alle Themen hinweg gleich groß: Übergreifend vertrauen 43 Prozent der Deutschen den etablierten Medien bei "wichtigen Dingen". Beim Klimawandel haben 48 Prozent Vertrauen in die Medien, 23 Prozent nicht. Umstrittener ist die Berichterstattung über die AfD: Hier haben nur 36 Prozent Vertrauen, 32 Prozent haben kein Vertrauen. Nur 31 Prozent äußern Vertrauen in die Berichterstattung über den Islam. Beim Thema "Wohnungsnot", halten 55 Prozent die Berichterstattung für vertrauenswürdig, nur 16 Prozent haben kein Vertrauen, die übrigen äußern sich unentschieden oder gar nicht.

Social Media gewinnen leicht an Vertrauen

Das Vertrauen in Social-Media-Angebote als Quelle von Nachrichten ist gestiegen, nachdem das Image des Internets in den Vorjahren unter den Debatten über Datenskandale und Fake News gelitten hatte. Ein Faktor könnten Auswirkungen von Imagekampagnen der Digitalkonzerne sowie politische Regulierungen beziehungsweise Debatten über Regulierungen sein. 2018 äußerten nur vier Prozent Vertrauen zu den Nachrichten in sozialen Netzwerken, in der neuen Umfrage sind es 10 Prozent. Der Anteil derjenigen, die Nachrichten in sozialen Netzwerken nicht für vertrauenswürdig halten, liegt nun bei 45 Prozent (2018: 51).

Zur Studie

Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Telefon-Umfrage (CATI), die das Meinungsforschungsinstitut IFAK im November und Dezember 2019 im Auftrag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Publizistik durchgeführt hat. Die statistische Fehlertoleranz beträgt maximal 2,8 Prozent. Die langfristig angelegte Studie zum Medienvertrauen basiert auf mehr als einem Jahrzehnt kommunikationswissenschaftlicher Vertrauensforschung am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Mittelpunkt stehen regelmäßige repräsentative Befragungen, die die Entwicklungen, Ursachen und Folgen des Medienvertrauens erheben. Schwerpunkte der Studie sind die Verbreitung von funktionaler und dysfunktionaler Medienkritik (u.a. "Lügenpresse"-Vorwürfe) und die Beziehungen zwischen Medienvertrauen, Mediennutzung, politischen und gesellschaftlichen Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften. Zum Forschungsteam gehören: PD Dr. Nikolaus Jackob, Dr. Ilka Jakobs, Prof. Dr. Oliver Quiring, Prof. Dr. Christian Schemer, Prof. Dr. Tanjev Schultz und Prof. Dr. Marc Ziegele.

Ansprechpartner

Tim Steinhauer

Senior Referent Medienverantwortung und Programm